14. May 2002 Beschluss: »Drohenden Pflegenotstand verhindern!«Drohenden Pflegenotstand verhindern!
Politik und Gesellschaft sind gleichermaßen gefordert, Anreize zu schaffen, um einen drohenden Pflegenotstand zu verhindern. Die demografische Entwicklung lässt in den kommenden Jahren einen steigenden Bedarf an Pflegekräften in der Alten- und Behindertenhilfe sowie in der Krankenpflege erwarten, der mit den vorhandenen Per-sonalressourcen nicht gedeckt werden kann. Deshalb bedarf es eines Maßnahmen-bündels, das diese negative Entwicklung stoppt. Im Einzelnen:
§ Pflege neu denken– Ausbildung neu gestalten!
Die FDP fordert, gemeinsame Ausbildungsstrukturen und –inhalte für die Alten- und Behindertenhilfe sowie die Krankenpflege zu entwickeln. Die Pflegerealitä-ten zeigen, dass Pflege aufgrund der Veränderungen im Gesundheitswesen le-bensphasen- und institutionsübergreifend stattfindet. Eine integrierte Ausbil-dung (d.h. generalistische Anteile in der Grundausbildung und danach Schwer-punktsetzung in dem jeweiligen Pflegeberuf) kann ein zukunftsweisender Schritt sein, den es rasch zu erproben gilt.
§ Berufsperspektiven eröffnen – Fort- und Weiterbildung stärken!
Ein Einstieg in Pflegeberufe darf keine Sackgasse sein, sondern muss Berufs-perspektiven und Aufstiegsmöglichkeiten bieten. Dazu bedarf es einer gewissen Durchlässigkeit einerseits zwischen den unterschiedlichen Pflegeberufen als auch der Möglichkeit, sich für Leitungsaufgaben zu qualifizieren. Die FDP for-dert daher weitgehende Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten für Pflegeberufe bis hin zu Spezialisierungen (z.B. gerontologische Zusatzqualifikation). Modula-re Angebote der Weiterbildung sind notwendig. Neue (Aufbau-)Studiengänge in Pflegewissenschaft und Pflegemanagement müssen verstärkt angeboten wer-den. Die Übernahme von Leitungsfunktionen sowie der Erwerb von Zusatzquali-fikationen müssen entsprechend vergütet werden.
§ Motivation und Verweildauer in den Pflegeberufen erhöhen!
Pflegeberufe erfahren eine vergleichsweise geringe Wertschätzung in der Ge-sellschaft. Eine Auseinandersetzung mit Krankheit, Alter oder Behinderung er-scheint in einer Gesellschaft, die zunehmend von Individualisierung und Ju-gendkult geprägt ist, als nicht attraktiv. Andererseits erschweren auch die Ar-beitsbedingungen und –belastungen vor Ort die Entscheidung für einen Pflege-beruf. Imagekampagnen sind notwendig, reichen aber allein nicht aus, um die Attraktivität der Pflegeberufe zu steigern.
Die FDP fordert daher strukturelle Verbesserungen wie beispielsweise mehr Teilzeitmöglichkeiten (sowohl im Gruppendienst als auch in Leitungsfunktio-nen), um einerseits den Belastungen des Pflegealltags gewachsen zu sein als auch um verstärkt Familie und Beruf besser vereinbaren zu können sowie an-gemessene Vergütungen. Die derzeitigen Rahmenbedingungen (in der Arbeits-organisation und im SGB XI) erschweren die Möglichkeit, Pflegeberufe in Teil-zeit auszuüben. Unterstützung im Arbeitsalltag durch Supervision dient der Qualitätssicherung und muss durch die Leistungsträger finanziert werden.
Zwei der wesentlichen Demotivationsgründe für die Pflegekräfte sind der stän-dig wachsende Zeitdruck sowie die Überbürokratisierung der professionellen Pflege. Die FDP setzt sich dafür ein, die Arbeitsbedingungen auch in diesen Be-reichen kurzfristig zu verbessern.
§ Pflegequalität erhalten und verbessern!
In der Pflege steigt der Bedarf an qualifizierten Kräften. Deshalb müssen Pfle-geberufe attraktiv sowohl für junge Schulabgängerinnen und –abgänger sein als auch Perspektiven eröffnen für Quereinsteiger oder für Frauen und Männer nach der Familienphase (sog. „Wiedereinsteiger“ in den Beruf).
Qualifizierung in der Pflege muss vom jeweiligen Kostenträger finanziert wer-den. Neue kostentreibende Rechtsvorschriften (z.B. Pflegequalitätssicherungs-gesetz) dürfen nur mit gesichertem Deckungsvorschlag eingeführt werden.
§ „Reinschnuppern“ in Pflegeberufe im Freiwilligen Sozialen Jahr und im Zivildienst!
Sowohl das Freiwillige Soziale Jahr als auch der Zivildienst bieten jungen Men-schen die Möglichkeit der Berufsfindung; durch eine zeitlich befristete Mitarbeit stärken junge Menschen ihre eigene soziale Kompetenz und tragen gleichzeitig zum Verständnis für die Lebenssituation alter, pflegebedürftiger und behinderter Menschen bei. Die FDP fordert daher, Freiwilligendienste in der Pflege zu stär-ken und auszubauen.
In der Pflege bedarf es eines Mixes aus Pflegefachkräften und Laienhelfern („helfende Hände“), um den zahlenmäßig stetig steigenden Bedarf an Pflege-kräften abzudecken.
§ Geordnete Zuwanderung für Pflegekräfte ermöglichen!
Schon aus demografischen Gründen steigt mittel- und langfristig der Bedarf an Pflegekräften. Deshalb bedarf es einer geordneten Regelung der Zuwanderung auch für Pflegekräfte (Fachkräfte und Hilfskräfte).
§ Freiwilligkeit statt Zwang!
Die FDP lehnt es ab, Sozialhilfeempfänger oder Arbeitslose zu einer Übernah-me von Pflegetätigkeiten zu verpflichten. Stattdessen setzt sich die FDP dafür ein, Anreize zu schaffen, um eine Tätigkeit in der Pflege freiwillig zu überneh-men – im Interesse der von Pflegebedürftigkeit betroffenen Menschen.
§ Pflegende Angehörige stärken!
Rund 85 Prozent der Pflegebedürftigen werden in der Familie betreut. Die FDP setzt sich ein, die Pflegebereitschaft in der Familie zu stärken und entsprechen-de Entlastungsangebote (z.B. stundenweise Kurzzeitunterbringung, tagsüber oder nachts, Wohnraumanpassung zur Verbesserung der Pflegesituation) zu schaffen.
Download  |