Anträge/Beschlüsse

14. May 2002
Beschluss: »Wir bringen Bewegung in unsere Gesellschaft«

Wir bringen Bewegung in unsere Gesellschaft

Präambel

Wir Liberalen wollen mehr Bewegung in unsere Gesellschaft bringen. Deshalb räu-men wir in unserem Programm dem Sport einen hohen Rang ein. In unserer freiheit-lichen Gesellschaftsordnung, kann der Sport vielfältige gesellschaftliche Aufgaben lösen und eine Lebenshilfe sein. Sport und Bewegung schaffen Erlebnisse, die unser Leben bereichern.

Der Sport ist die größte Massenbewegung in Deutschland. Den Vereinen und Fach-verbänden im Deutschen Sportbund gehören viele Millionen Bürger an. Sportpolitik ist dabei nicht isoliert zu sehen, vielmehr gibt es Verbindungen zu den meisten ande-ren Politikbereichen, insbesondere zur Bildungs-, Sozial- und Gesundheitspolitik.

In der veränderten Arbeitswelt ist die sportliche Betätigung für die körperliche und geistige Entwicklung mitentscheidend. Schon die Griechen wussten um die Zusam-menhänge zwischen körperlicher und geistiger Gesundheit. Bewegungsmangel ist eine wesentliche Ursache vieler Zivilisationskrankheiten, die schon bei Kleinkindern auftreten und Konsequenzen für ihre Entwicklung haben.

Sport und Bewegung hilft dem Menschen
· seine Lebenssituation besser zu bewältigen
· seine Gesundheit, Lebensfreude und Leistungsbereitschaft zu erhalten
· sich in der Gemeinschaft besser und leichter zu integrieren
· seine Freizeit sinnvoll zu nutzen
· faire Lebensweisen und Toleranz zu entwickeln

Die Politik ist Mittler und Diener für Bürgerinnen und Bürger, insbesondere, wenn sich diese freiwillig für diese Ziele engagieren.
Sport entfaltet über die Regions- und Landesgrenzen hinaus in einem vereinten Eu-ropa vielfältige Begegnungen und Integrationsmöglichkeiten.


1. Sport in Kindergarten und Schule

Die Grundlagen für die sportliche Entwicklung des Menschen werden bereits im Kin-desalter gelegt. Dem vielerorts herrschenden und beklagten Bewegungsmangel kann schon im Kindergarten erfolgreich begegnet werden. Bewegung wirkt sich positiv auf die Entwicklung und Erziehung der gesamten Persönlichkeit aus. Deshalb sind be-reits im Kindergarten die räumlichen Voraussetzungen für die Bewegungserziehung zu schaffen.

Die Ausbildung der Erzieherinnen und Erzieher wie auch die Fortbildungsmaßnah-men müssen die dem Sport innewohnenden pädagogischen und gesundheitlichen Möglichkeiten stärker Rechnung tragen. So soll das Schwimmen bereits im Kinder-garten erlernt werden.

Zur Intensivierung der Bewegungserziehung sollen auch im Vorschulalter Kooperati-onsmodelle mit den Sportvereinen entwickelt werden.

Der Schulsport bietet allen Jugendlichen die unwiederbringliche Möglichkeit, in einer lernbegünstigten Lebensphase Freude am Sport zu erleben, die über die Schulzeit hinaus anhalten kann. Der Sport fördert nicht nur die gesunde körperliche Entwick-lung, sondern auch die Leistungsbereitschaft und das soziale Verhalten.

Ein schulgerechter Tagesablauf und eine Stundenplangestaltung mit täglich mindes-tens einer Sport- und Spielzeit kann überall erreicht werden. Schon in der Grund-schule müssen im Fach Sport qualifizierte Fachlehrer eingesetzt werden. Kinder sind besonders bewegungshungrig und leicht zu motivieren.

Die gemäss der Stundentafel vorgeschriebene dritte Sportstunde muss in allen Schu-len erteilt werden. Die Gleichstellung des Sportunterrichts mit den anderen Fächern ist als wesentlicher Bestandteil der schulischen Gesamterziehung herbeizuführen.

Nur in der Schule besteht für jeden einzelnen die Verpflichtung zur sportlichen Betä-tigung. Dieser Verpflichtung ist durch ausreichende und geeignete Sportstätten und Geräte, ausgebildete Sportlehrer und Lehrplangestaltung zu entsprechen. Die ver-fügbare Stundenzahl und ein denkbarer Mangel an ausgebildeten Sportlehrern dür-fen nicht als Vorwand für die Reduzierung des Sportunterrichts dienen.

Weiterführende Schulen können ein Sportprofil entwickeln und die besonders talen-tierten Mädchen und Jungen im leistungsorientierten Sportunterricht fördern. Dabei können Kooperationsmodelle mit Sportvereinen und Verbänden hilfreich sein.

Trendsportarten können in Form von Arbeitsgemeinschaften in den Schulsport ein-bezogen werden. Sportfeste und Sportwettkämpfe sollen als Höhepunkte das Schul-leben zum Erlebnis werden lassen. Es sollte stärker als bisher versucht werden, die Wirtschaft für ein Sponsoring von Sportaktivitäten an den Schulen außerhalb des eigentlichen Unterrichts zu gewinnen.

Für sportunterrichtende Lehrer gilt die Verpflichtung alle zwei Jahre Fortbildungskur-se zu besuchen. Auch Berufsschulen und Betriebe haben eine gemeinsame Verant-wortung für die sportliche Betätigung der Jugendlichen. Sie sollten diese unterstützen und entsprechende Angebote auf freiwilliger Basis unterbreiten.




2. Sporttalente frühzeitig fördern

Bei der Sichtung und Förderung von Talenten stehen das Kind und seine Bedürfnis-se im Vordergrund. Sowohl für die Schule als auch für den Sportverein sind die Eig-nungen und Neigungen der Kinder der zentrale Ausgangspunkt aller Initiativen.

Qualifizierte Sportlehrer und Übungsleiter sollen die Talente erkennen und zur be-sonderen Förderung vorschlagen. Dabei ist die Information an die Eltern, deren Zu-stimmung und die Zusammenarbeit mit Schule und Verein (Kindersportschulen) eine wichtige Voraussetzung.

Talentaufbaugruppen können schon an den Grundschulen eingerichtet werden. Da-bei ist eine frühe Spezialisierung zu vermeiden. Die jungen Sporttalente werden mit einem weiterführenden Grundlagentraining gefördert. An den Sekundarschulen sol-len Sportklassen und in allen Bundesländern sportbetonte Schulen eingerichtet wer-den, die mit einem Sportinternat verbunden werden können. Darüber hinaus sollen aber auch Eliteschulen des Sports in ausreichender Zahl eingerichtet werden, weil nur auf diesen Schulen die Spitzentalente im Leistungssport wirklich ausreichend gefördert werden können. Im weiterführenden Bereich müssen die Bundeswehr und der Bundesgrenzschutz ungeschmälert ihre Aufgaben erfüllen können.

Der kommerzialisierte Sport mit seinen hohen Vermarktungseinnahmen soll einen angemessenen Anteil davon für die Sichtung und Förderung von Nachwuchstalenten bereitstellen.

Die Sportwissenschaft und Forschung muss noch stärker als bisher die Zusammen-arbeit mit den Sportlern und Vereinen unterstützen.

Äußere Voraussetzungen für eine erfolgversprechende Talentförderung sind:
· gute erhaltene Sportstätten und eine ständige Modernisierung der Ausstattung
· qualifizierte Sportlehrer, Trainer und Übungsleiter
· pädagogische Betreuung durch die Schule
· finanzielle Hilfen vom Land und den Kommunen
· Hilfe beim Übergang von der Ausbildung ins Berufsleben


3. Bewegung für Jung und Alt – Sportangebote für alle

Immer größere Teile der Gesamtbevölkerung haben ein großes Interesse an einer sportlichen Betätigung und versuchen, durch gesündere Lebensführung, Bewegung und gezielte sportliche Übungszeiten ihre Lebenszeit bewusst sportlicher und kom-munikativer zu erleben. So erhalten sportliche Bewegungsaktivitäten eine immer größere Bedeutung, dem durch die Politik Rechnung zu tragen ist.

Besonders signifikant sind die großen Gruppen schon im frühen Alter, z.B. „Mutter und Kind Aktionen“ und die steilen Zuwachsraten bei den über 65jährigen (wissen-schaftliche Umfragen), bei sportlichen Aktionen und Übungszeiten.

Deshalb fordern wir, dass notwendige Voraussetzungen hierzu wenn nötig auch im Gesetzgebungsverfahren geschaffen werden
· bei der Bereitstellung investiver Mittel für Neubau und Instandhaltung von Sportstätten
· bei den planerischen Vorgaben im Städte- und Landschaftsbau
· bei schul- und stadtteilbezogenen Besonderheiten
· für eine ausgewogene Übereinstimmung mit dem ökologischen Landschafts-schutz in beiderseitigem Interesse
· Sportlärm nicht mehr dem Gewerbelärm gleichstellen,
sondern Schaffung eigener Richtwerte – um eine Sportanlage auch Abends und Sonntags nutzen zu können

Ein wesentlicher Teil der Sporteinrichtungen wird an Schulen vorgehalten. Diese Inf-rastruktur muss auch in Zukunft für die Vereinsnutzung offen sein, auch aus Gründen einer sparsamen und effektiven Nutzung der Haushaltsmittel. Nutzungsgebühren, wie sie in vielen Gemeinden erhoben werden, lehnt die FDP für den Bereich Jugend-, Amateur- und Breitensport ab. In diesem Bereich ist der Sport ein Teil der Sozial- bzw. Gesundheitspolitik. Die – größtenteils ehrenamtliche – Arbeit der Sportvereine erspart dem staatlichen Gemeinwesen Folgekosten in einer Höhe, die durch die Ein-nahmen aus Sportstättennutzungsgebühren nie gedeckt werden könnten. Gerade in Großstädten mit ihren geringen Freiräumen für Kinder sollten die Schulhöfe Nachmit-tags, am Wochenende und in den Ferien als Bewegungsräume geöffnet werden.

Der Betriebssport hat seinen eigenen Platz im Sport. Besonderer Aspekt dieser Form des Sports ist die Stärkung des innerbetrieblichen Zusammengehörigkeitsgefühls. Der Betriebssport führt zu einem Überwinden von fachlichen, funktionalen und hie-rarchischen Barrieren in den Betrieben.

Sporteinrichtungen müssen nicht nur durch die öffentliche Hand betrieben werden. Liberale wollen verschiedene Betreibermodellen eine Chance geben. Die FDP be-grüßt deshalb privatwirtschaftliches Engagement auch im Bereich des Sports. Kom-merzielle Einrichtungen bilden für viele Menschen eine Ergänzung und Erweiterung des Sportangebotes. Materielle Förderung des Sports durch den Staat dürfen jedoch nur gemeinnützige Vereine, Verbände und Einrichtungen erhalten, die einer Überprü-fung auf sachgerechte Mittelverwendung unterliegen und nicht auf Gewinn ausge-richtet sind.


4. Vielfalt von Vereinen für die Gesellschaft

Der Sport erfüllt wichtige gesellschaftspolitische und soziale Aufgaben. Es ist daher unerlässlich, dass der Staat freiwillige, ehren- und hauptamtliche Arbeit der Sportver-eine unterstützt. Ein partnerschaftliches Zusammenwirken hilft, die Autonomie der Sportbewegung zu erhalten und stärkt die Bereitschaft des Einzelnen, sich in die Gemeinschaft einzubringen.

Die FDP weiß um die hohe Fachkompetenz der Funktionsträger in den Sportvereinen und –verbänden und die Bereitschaft des persönlichen Einsatzes für die Gesell-schaft. Sie anerkennt diese freiwillige Leistung, die durch kein anderes soziales Sys-tem zu ersetzen ist.
Die Vereine übernehmen die soziale Mitverantwortung der familienergänzenden Möglichkeiten vor allem in der Kinder- und Jugendarbeit. Sie wirken als Modell geleb-ter Demokratie.

Das Ehrenamt ist eine wichtige Säule der liberalen Bürgergesellschaft.

In Zeiten knapper Kassen ist es verlockend, immer mehr Aufgaben auf die ehrenamt-lich Tätigen abzuwälzen. Die Bereitschaft zur Übernahme eines Ehrenamtes im Ver-ein lässt aber eher nach, als dass sie zunimmt. Deshalb muss man muss man es attraktiver machen. Das Ehrenamt verdient jede erdenkliche Unterstützung, administ-rative Entlastung, personelle Hilfe, gezielte Aus- und Weiterbildung und öffentliche Anerkennung. Der kontinuierliche und organisatorische Rahmen für die Tätigkeit der Ehrenamtlichen ist durch ein angemessenes Maß an Hauptamtlichkeit zu sichern.

Der Sport leistet einen wichtigen Betrag zur Integration ausländischer Mitbürger. Hier können in friedlichem Wettstreit kulturelle Vorurteile und Widerstände überwunden werden.


5. Spitzensport auch ohne Doping

Doping belastet den Sport erheblich - nicht nur durch schlimme Verstöße und Schlagzeilen, sondern auch sportpolitisch. Die Regierungskoalition hat sich – nicht zuletzt auf Drängen der FDP-Bundestagsfraktion - im Haushalt 2002 dazu durchrin-gen können, die geplante „Nationale Anti-Doping-Agentur“ (NADA) mit fünf Millionen Euro zu fördern. Durch das Beispiel des Bundes ermutigt, müssen nun auch die Sportverbände und Sponsoren aus der Wirtschaft sich bereit finden, der NADA bei ihrem Start unter die Arme zu greifen und sie langfristig zu unterstützen.

Auch die Welt-Doping-Agentur (Wada) wird zunehmend an Bedeutung gewinnen. Sie ist beim Kampf gegen Doping unverzichtbar und bedarf vor allem der Unterstützung auch auf europäischer ebene.

Das systematische Doping im Sport, das Staatsdoping, gehört zu den schlimmen Hinterlassenschaften der DDR.
Wissenschaftlich und sportmedizinisch ist dieses Thema mittlerweile genauso aufge-arbeitet, wie die Frage der Strafbarkeit der Verantwortlichen. Deshalb begrüßt die FDP die Unterstützung der Opfer des DDR-Dopings durch die Anschubfinanzierung eines Fonds zur Entschädigung von DDR-Doping-Opfern mit 2 Mio. Euro aus Bun-desmitteln.

Bei den Opfern des DDR-Staatsdopings zeigt sich in erschreckender Deutlichkeit, was mit Doping angerichtet werden kann. Der Kampf gegen das Doping, diese Gei-ßel des Sports, muss unermüdlich und unerbittlich fortgesetzt werden. Gesetzgeberi-sche Maßnahmen, wie die von der Regierungskoalition beabsichtigte Verabschie-dung eines Anti-Doping-Gesetzes sollten allerdings als schwerwiegender Eingriff in die Autonomie des Sports nur als allerletztes Mittel erwogen werden. Der „große Bruder Staat“ kann und soll helfen – aber die Knute des Gesetzes, wie z. B. die Auf-nahme eines Straftatbestandes von Doping im Profi-Sport in das Gesetz gegen un-lauteren Wettbewerb (UWG) muss ultima ratio bleiben.

Doping ist auch zu einer tickenden Zeitbombe im Freizeit- und Fitnessbereich gewor-den. Besonders gefährlich sind leitungssteigernde Substanzen bei Kindern und Ju-gendlichen. Diesem Missbrauch muss man Herr werden durch bessere Datenerhe-bungen, verstärkte Forschung und Eindämmung des Schwarzmarktes.


6. Sportförderung durch Gemeinde, Land, Bund und privates Engagement

Sportförderung liegt im originären öffentlichen Interesse von Gemeinde, Land und Bund.

Daraus ergibt sich die Verpflichtung aller Ebenen, das Gesamtsystem Sport subsidiär zu fördern durch
· Stärkung des Ehrenamts
· Bereitstellung von Infrastruktur
· Angemessene Finanzierung gesamtgesellschaftlicher Aufgaben
· Entbürokratisierung der Rahmenbedingungen

Die Bedeutung des Sports als Wirtschaftsfaktor nimmt weiter zu.
Die Liberalen begrüßen ausdrücklich privatwirtschaftliches Engagement auf
dem Gebiet des Sports, wenn damit eine Erhöhung der Leistungsfähigkeit der Verei-ne und der Sportler verbunden ist. Spenden, Sponsoring, Mäzenatentum und geld-werte Leistungen unterstützen die Vereine bei der Erfüllung ihrer gesellschaftspoliti-schen Aufgaben. Sie bilden eine wichtige Säule der Sportförderung. Der Staat hat die Aufgabe, die erforderlichen Rahmenbedingungen zu schaffen und Anreizsysteme zu entwickeln.

Gesetzesänderungen zu Lasten des Sports, wie etwa das 325-Euro-Gesetz, lehnt die FDP strikt ab.


7. Sport verbindet – Europa und die Welt

Auch innerhalb Europas ist der Sport ein wichtiger Faktor der Begegnung. Durch Austausch und Zusammenarbeit im Bereich des Sports wird das Zusammenleben der Bürger Europas und die europäische Gemeinschaft gestärkt. Die FDP fordert den freien internationalen Sportverkehr.

Die internationale Zusammenarbeit kann insbesondere gefördert werden durch:
· Förderung von Sportaktivitäten im Rahmen von Städtepartnerschaften
· Austausch von Sportlern, Übungsleitern und Sportlehrern sowie gemeinsame Lehrgänge für Sportler und Fachkräfte durch Bereitstellung von EU-Fördermitteln
· Errichtung eines Jugendwerkes der europäischen Gemeinschaft nach dem Beispiel des deutsch-französischen Jugendwerkes
· Gegenseitige Anerkennung von Ausbildungsabschnitten, Hochschulabschlüs-sen und Lizenzen
· Einführung eines gemeinschaftlichen Sportabzeichens
· Beratung beim Bau von Sportstätten
· Hilfe bei der Ausbildung einheimische Fachkräfte in Entwicklungsländern ins-besondere im Schulbereich
· Weiterbildung von ausländischen Trainern entsprechend ihren nationalen Be-dürfnissen

Auch bei der Bekämpfung des Dopings muss Europa eine wichtige Rolle spielen. Die EU-Kommission muss sich deshalb an der Finanzierung der Welt-Doping-Agentur (Wada) dauerhaft beteiligen.

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